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Berlin

Die Berliner Luft muss tatsächlich eine ganz besondere sein, denn kaum eine europäische Stadt gilt derzeit als so angesagt wie die deutsche Hauptstadt. Stars aus Hollywood wie Ewan McGregor gehen hier gerne aus, aber auch Intellektuelle wie Marie Ndiaye, die junge französische Autorin, der gerade den Prix Concourt verliehen wurde, finden hier eine neue Heimat. Einen bedeutenden Teil des Kultes macht die bewegte Vergangenheit der Stadt aus. Doch die Spuren von dieser verschwinden immer mehr.

Das Kunsthaus Tacheles

Ein Wahrzeichen der Subkultur Berlins ist das Kunsthaus Tacheles. Nach dem Mauerfall war das Haus Heimat für Künstler und Hausbesetzer – und erlangte einen legendären Ruf. Damals gab es noch viele illegale Kellerclubs und billige Altbauwohnungen, die mit Kohleheizungen betrieben wurden. Davon sind die meisten heute in teure, gut gedämmte Wohnungen für junge, erfolgreiche Menschen umbaut worden, die Wert auf nostalgischen Charme legen. Und auch das Tacheles selbst ist zwar immer noch ein Haus, in dem Künstler werkeln, seine Bedeutung wird dem Ort aber hauptsächlich durch Touristen verliehen, die dorthin pilgern, weil sie die Institution so cool finden.

Die Adresse wird aber nicht mehr lange Heimat von Kreativen sein, denn die Bank will das Gelände Ecke Friedrichstraße verkaufen. Dagegen wehrt sich zwar selbst der Senat – immerhin gibt es 400.000 Tacheles-Besucher jährlich - aber die Bank scheint das letzte Wort zu haben. Auch betroffen von dem Verkauf wäre die renommierte C/O Galerie, die bekannt ist für hochwertige Fotokunst. Genauso die Bar 25, die unter Partygängern der ganzen Welt bekannt ist.

Hippness verdrängt Geschichte

Der Vorgang ist typisch für die Entwicklung der Stadt: Die Coolness frisst ihre Wurzeln auf. Immer mehr Loft-Wohnungen und Townhouses entstehen, ehemals alternative Viertel wie Nord-Neukölln und Kreuzberg werden immer teurer. Der Protest der linken Szene ist zwar durchaus hörbar, aber die Gentrifizierung scheint eine Naturgewalt zu sein, die in den meisten größeren Städten nicht aufzuhalten ist.

Macht sich Berlin als Ort des Mythos damit selbst kaputt?

Der Boom begann Anfang der Neunziger in Berlin-Mitte. Bürgerkinder aus dem Westen zog es auf den Prenzlauer Berg, was dazu führte, dass sich mehr Cafés und Klamottenläden dort ansiedelten und das Viertel insgesamt immer schicker wurde. So gehört es inzwischen zum Standardprogramm von Kabarettisten, sich über Bionade-Mütter und Schwaben zu mockieren, Bugaboo-Kinderwagen werden aus Hausfluren gestohlen und in der U-Bahn spricht man verächtlich gegen die Latte Macchiato-Generation.

Die Seele der Stadt

Die Stadt zehrt von ihrer Melange aus Ruinen und hippen Clubs, eine Prise Verruchtheit, Verfall, Kreativität aber auch ein gleichzeitiger Aufbau. Das finden besonders Amerikaner interessant und kommen in Scharen, um durch Clubs und Second-Hand-Läden zu ziehen. Die Stadt wird insgesamt immer internationaler, im Café kommt der Kellner aus Israel, die Boutique-Verkäuferin aus Schweden und beide sprechen nur Englisch. Auch das Time-Magazin hat Berlin offiziell als „Hauptstadt der Coolness“ ausgerufen.

Daran wird auch der Niedergang der Tacheles nichts ändern. Wenn es Ende Juli so weit ist, werden ein paar Künstler und ein paar ältere Semester wirklich traurig sein. Viele Hipster werden ihr Missfallen darüber ausdrücken, denn das ist hip. Aber ansonsten wird die Stadt weiter als Anziehungsort für die Trendbewussten fungieren. Und ein paar Touristen, die mit dem Besuch des Künstlerhauses eine Art Gutschein Berlin wollten, werden ihn sich woanders suchen müssen. Wenn jedoch schließlich immer mehr solcher Institutionen wegfallen, dann versiegt auch eine Quelle, aus der die Stadt ihre Coolness speist. Denn schöne alte Häuser, schicke Shops und hippe Clubs gibt es auch zuhauf an anderen Orten.